Der folgende Text beruht auf den enzyklopädischen Artikel der Wikipedia, ist aber  wesentlich ergänzt und erweiterert, einerseits und insbesondere aus der Chronik der Bremer Schachgesellschaft von Hanno Keller und andererseits durch eigene Recherchen im Staatsarchiv Bremen, in der SuUB und im Internet (siehe Literatur).

 

Carl Hartlaub (* 12. Oktober 1869 in Bremerhaven; † 17. Mai 1929 in Bremen) war ein bekannter deutscher Schachspieler.

 

Hartlaub, der der Sohn des gleichnamigen Bremer Richters Dr. Carl Hartlaub war, übte den Beruf des Rechtsanwalts und Notars aus. Bereits als Gerichtsreferendar trat er Ende 1895 der Bremer Schachgesellschaft von 1877 bei, deren Mitglied er lebenslang blieb und dessen 2. Vorsitzender er 1914-1915 und dessen erster Vorsitzender er von 1922 bis 1923 war. In den Jahren 1907-1908 (mit 13,5 von 16 möglichen Punkten), 1911-1912, 913-1914 und 1915-16 (geteilter 1. mit Carls) gewann er die jeweils als Winterturnier durchgeführte Klubmeisterschaft des Vereins.

 

Seit seinen Studententagen war Hartleib auch Mitglied des Akademischen Schachklubs München.

 

Vorstandsarbeit:

 

2. Vorsitzender 1914-15

1. Vorsitzender 1922-23

 

Turnierteilnahmen und -erfolge:

 

Vereinsturniere:

 

Hartleib gewann mehrfach die jeweils als Winterturnier ausgetragene Klubmeisterschaft der Bremer Schachgesellschaft, und zwar:

 

* 1907-08 mit 13,5 von 16 möglichen Punkten vor dem späteren Meisterspieler Hilse.

 

* 1911-12 unangefochten vor Schaaff, Appel und Richard Antze bei nur einer Verlustpartie gegen Corßen.

 

* 1913-14 belegte er den 1. Platz der in 3 Gruppen ausgespielten Meisterschaft; Hartlaub gewann in seiner Gruppe alle Partien und siegte vor Spieß und R. Antze

 

* 1915-16 teilte er sich mit Carl Carls den 1. Platz

 

 

Weitere Turnierteilnahmen und -erfolge:

 

* 1911 belegte er den geteilten 4. Platz im Hauptturnier A beim 3. Kongress des Bayrischen Schachbundes München. Dabei verlor er nur eine einzige Partie (gegen den Zweitplatzierten Müller) und erhielt einen Schönheitspreis für seine gegen Dr. Benary; sie wurde mehrfach in der Fachpresse veröffentlicht, u.a. in der DSZ 1911 wurde. 

 

* Er gewann das Meisterturnier des Ostfriesisch-Oldenburgischen Schachbundes in Wilhelmshaven 1913 mit 4 aus 5 Punkten; er verlor nur gegen Carls, der wiederum nur den 2. Platz belegte. Hier die Abschlusstabelle:

 

 

 

 

 

* 1914 gewann er den 1. Platz des Meisterturniers beim 3. Kongress des Ostfriesisch-Oldenburgischen Schachbundes. In den erforderlich gewordenen Stichkämpfen setzte sich am 3.5.1914 Hartlaub durch, indem er sowohl Carl Carls als auch Nagel schlug. Die siegreiche Partie gegen Carls wurde am 7.6.1914 in der Schachspalte der "Vossischen Zeitung" veröffentlicht und von niemand Geringerem als den Weltmeister Emanuel Lasker glossiert:

 

Hier einfügen Scan HK S. 145f

 

* 1914 erreichte er (hinter Nagel) den 2. Platz beim Meisterschaftsturnier des 17. Bundesfestes des NESB

 

* 1920 errang er den geteilten ersten Platz im Meisterturnier B beim 19. Kongreß des NESB (Niederelbischener Schachbund).

 

Zweikämpfe:

 

Hartlaub spielte zahlreiche Matches mit seinem starken Vereinskollegen Carl Carls. Das Datum der ersten Partie des 1. Wettkampfes ist nicht überliefert, aus Carls' Partienotizen ist aber zu schließen, dass sie im Januar oder Februar 1909 gespielt wurde. Der Wettkampf war auf 8 Gewinnpartien vereinbart, wobei Remisen nicht zählten und 7:7 ein Unentschieden darstellten. Wahrscheinlich betrug die Bedenkzeit - wie im nahezu zeitgleichen Wettkampf mit Oskar Antze - 18 Züge pro Stunde, Kontrolle nach 27 Zügen, dann nach je 18 Zügen. Der Einsatz betrug M 10,-.

Carls ging mit 5:0 in Führung, verlor die nächsten beiden Partien und gewann schließlich die folgenden 3, sodass er das Match deutlich mit 8:2 gewann; keine Partie endete unentschieden. Die 10. und letzte Partie wurde am 2.7.1910 gespielt. In Carls Notizen finden sich alle Partien bis auf die - von ihm verlorene - 6. Partie. Sie muss wohl als verloren gelten.

 

Vom November 1912 bis zum 1. März 1913 spielten sie einen weiteren Wettkampf, wobei wiederum das Datum der ersten Partie nicht überliefert ist. Diesmal war der Sieger, wer zuerst 5 Punkte erreichte, wobei Remisen mitgezählt wurden. Die Bedenkzeit betrug 20 Züge pro Stunde. Wiederum gewann Carls den Wettkampf, diesmal mit 5,5:2,5 bei drei Remisen.

 

In Carls Notizen findet sich eine als "II. Partie" bezeichnete Notation vom 11.7.1914; es ist unklar, ob dies eine Partie eines weiteren, womöglich wegen des Weltkrieges nicht weiter durchgeführten Zweikampfes ist. Weitere Partienotationen fehlen jedenfalls.

 

 

 

Beim 13. Kongress des NESB spielte Hartlaub einen gesonderten Wettkampf gegen Kux (Dortmund), den er mit 0:3 verlor.

 

Hartlaubs Spielstil huldigte dem romantischen Ideal des 19. Jahrhunderts, durch spektakuläre Opfer ein Matt zu erzielen. 

 

"Hartlaub will nicht gewinnen, er will Mattsetzen." Paul Saladin Leonhardt

 

"Dr. Hartlaub (...) ist bekannt als ein Spieler von außerordentlich viel Phantasie." Emanuel Lasker

 

"Ich halte Hartlaub für das größte Einbrechergenie am Schachbrette. Es ist fabelhaft, was er hier leistet. Die bombensichersten Rochadebauten bricht er  auf." F. Gutmayer, Rätsel und Reichtümer der Eröffnung, 1921, 2. Aufl., S.36.

 

  spielerische Stärke lag in erster Linie seinem

 

Dies erlaubte ihm eine Reihe sehenswerter Angriffspartien.

 

Hartlaub-Testa, Bremen 1912, zuerst in den "Hamburger Nachrichten" von Leonhardt kommentiert, von dort in die Deutsche Schachzeitung 1912, S. 204 übernommen, danach in Bachmanns Schachjahrbuch 1912 aufgenommen und schließlich 1916 veröffentlicht in Kagans Broschüre "60 kurze Glanzpartien von zirka 30 verschiedenen Großmeistern, Meistern und Amateuren, wie auch 11 Partien von Dr. Hartlaub aus Bremen".

 

Simultanerfolge:

 

Er remisierte am 4.11. 1905 gegen den Blindsimultan spielenden Paul Saladin Leonhardt (9 Gegner, 5,5:3,5).

 

Er gewann gegen den Silmultan spielenden Leonhardt am 12.11.1910 (12,5:5,5).

 

Sieg gegen Frank Marshall im 21.6.1911 (+12, -8, =2)

 

Remis gegen Sämisch am 28.11.1921

 

Seine bis zum 1. Weltkrieg höchste historische Elo-Zahl beträgt 2237; dieser Berechnung liegen 22 Partien aus den Jahren 1912-1914 zugrunde.

 

Neben seiner kombinatorischen Phantasie besaß Hartlaub auch eine Ader für heitere Poetik; zum 20jährigen Stiftungsfest der BSG gab er 1897 eine Kostprobe seiner humorvollen Reimkunst:

 

Das Schachspiel

 

Schon stehn die Heere kampfbereit,

und es beginnt der wilde Streit,

der allerdings - der Welt zum Trost -

nur in beschränktem Rahmen tost...

Er stört bekanntermaßen nicht

Europas schönes Gleichgewicht:

Drum schaut man voller Seelenruh'

dem Schlachten auf dem Schachbrett zu:

 

Der König pflanzt zu Kampfbeginn

sich kühn im Hintergrunde hin;

zur Seite seiner lieben Frau

verharrt er hoheitsvoll und schlau,

markiert hier standhaft auf dem Holz

gewissermaßen Königsstolz...

Doch fühlt er später, kampfessatt,

sich angegriffen oft und matt.

 

Die Königin voll Leidenschaft

benimmt sich amazonenhaft:

Sie stürzt mit wahrem Hochgefühl

für ihren Mann ins Kampfgewühl...

Kommt ihr ein Läufer in den Lauf,

da heißt es: immer feste drauf!...

Ein flotter Springer aber däucht

gefährlich ihr - und sie entfleucht...

 

Der Turm - der bildet permanent

ein sehr stabiles Element,

er drückt zunächst sich in die Eck'

und rührt und regt sich nicht vom Fleck.

Behäbig, plump in hohem Grad

bevorzugt er den geraden Pfad - -

Des faulen Knochen Lieblingsspiel

ist Bauernfraß in großem Stil.

 

Da lob ich mir den Springer fein,

der hopst auf seinem Elfenbein

so kreuz- und querfidel umher,

als ob das Schach ein Lustspiel wär'.

Er avanciert im Zickzacksprung

dem König zur Beängstigung - -

und wenn 'nen guten Tag er hat,

dann gibt er ein - ersticktes Matt.

 

Der Läufer läuft nicht kreuz und quer,

nein - stets diagonaliter,

entwickelt, wo es nötig tut,

pyramidalen Opfermut:

Ihm macht es einen Heidenspaß,

wenn ihn des Feindes König fraß -

er kalkuliert mit Fug und Recht:

Die Sache, die bekommt ihm schlecht.

 

Der Bauer scheint sehr unbelebt,

dieweil er an der Scholle klebt -

erst bei der Metzelei Beginn

erwacht in ihm der Heldensinn:

Nun dringt er kühn - ein Matador -

tief in der Feinde Linien vor,

bis er, von Not und Tod umdrängt,

als Held den Ritterschlag empfängt...

 

Der Geist, der hier die Schlachten lenkt,

der schaut herab und sinnt und denkt:

Hier sitzt und dort ein Schachgenie,

und unaufhörlich brüten sie...

Hat jeder auch ein Brett vorm Kopf,

ist keiner doch ein dummer Tropf,

denn 'spielend' kann man Prachtideen

sie aus dem Ärmel schütteln sehn.

 

 

 

Auch beim Festessen anlässlich des 17. Bundesfestes des NESB vom 23.-25.5.1914 gedachte "unser poetisch veranlagtes Mitglied Dr. Hartlaub (...) in einem selbstverfaßten Gedichte des Spiels, der schönen Frauen und der Liebe" (aus dem Jahresbericht, zit.n. HK 1987, S.147).

 

Anlässlich des Stiftungfestes der BSG am 1.3.1924 verfasste Hartlaub wiederum ein - leider nicht vollständig erhaltenes - Gedicht, welches die Miglieder des Vereins humorvoll auf die Schippe nimmt:

 

  Wer treibt das Schachern früh und spat?

Herr Berenbruch, der Stahlmagnat.

Das 'Schachern', sagt sich der Bewußte,

bringt leider vielfach auch Verluste.

 

Es präsentiert im hellsten Glanze sich

uns heute Meyer 27:

Sein Spiel sieht man ihn stets vermasseln,

doch Wunder leistet er - im Quasseln.

 

Daneben laß ich Carls gelten,

der quasselt nie, vermasselt selten.

Sein Spiel, das Marke 'Glanzlos' trägt,

ist mündelsicher angelegt.

 

Herr Rose ist's, der, wenn er 'schacht',

stets seinen Namen Ehre macht.

Zeigt er auch sonst die Dornen nicht -

beim Schach heißt's: 'Hütet euch - er sticht!'

 

Bei Schaaff hat man sehr bald entdeckt:

es ist ein Wolf, der in ihm steckt:

Speziell beim Schach - da zeigt er allen

beim Überfallen seine Krallen.

 

Boszinsky, ein alldeutscher Recke,

bringt manchen Streiter stracks zur Strecke:

Ein Meisterboxer in der Tat - -

speziell in - Domino und Skat.

 

Ein Riesenschachwerk voller Pracht

hätt' Hartleib wohl zur Welt gebracht,

hätt' er zu Glanzpartien erkoren

die, wo er glänzend sich blamoren.

 

Die Antzes haben beim Spiel ihre Mucken,

sie lassen uns bittere Pillen schlucken:

So wirken sie stets, ob beim Schach- oder Skattisch,

auf uns teils sym-, teils homöopathisch.

 

Herr Hogrefe, der gerne Schachkinder zeugt,

ist durch und durch problematisch verseucht,

so daß es ihm leider nicht selten passiert,

daß er sich ein Selbstmatt beim Spiel komponiert.

 

Herr Brinkmann, ein Meister vom alten Stil,

bevorzugt solides gehaltvolles Spiel,

nur wirklich Gehaltvolles kann ihn noch reizen:

Taxieren wir also: Gehaltsklasse 13.

 

Es ruhen fürwahr in Herrn Schwartze's Schoße

viel weiße und noch mehr schwarze Lose.

Wie man es denn auch beim Schachspiel entdeckte:

Es fällt manche Niete in seine Kollekte.

 

Herr Hofschneider, ein nie rastender Geist,

mit Schränken hier nur so um sich schmeißt.

Wir armen Schächer, wir fühlen es bloß:

ein Schrankbedürfnis ist schrankenlos.

 

An Spürsinn reicht wohl kein anderer Mann

an unser Schachwunderkind Hamburger ran.

 

 

Schachkompositionen

 

Hartlaub befasste sich gerne mit Schachkompositionen, manche seiner Aufgaben wurden in Schachzeitschriften veröffentlicht. Besondere Aufmerksamkeit erregte er durch ein spektakulär anmutenden Sieg gegen den Weltmeister Emanuel Lasker, der in Bremen am 28. Januar 1904 im Café Roland ein Simultan gegen 33 Spieler gab. Diese erste Begegnung mit dem Weltmeister beschrieb Hartlaub selbst folgendermaßen:

 

"Für mich, der ich noch nie mit Lasker zusammengetroffen war, bedeutete es natürlich ein Schachereignis allerersten Ranges, und diesmal war es wirklich eine Art Schachehrgeiz, der sich in mir regte, wenn auch nur in dem Sinne, daß ich mir fest vornahm, durch besonnenes Spiel dem Weltmeister den Gewinn nach bestem Können zu erschweren und ihm so lange, wie nur irgend angängig, standzuhalten. Die Möglichkeit eines eigenen Erfolgs wagte ich dabei gar nicht in Betracht zu ziehen.

 

33 Spieler hatten sich Lasker gestellt, der abwechselnd die weißen und die scharzen Steine führte. Durch geschickte Platzierung meiner Persönlichkeit hatte ich mir den Vorteil des Anzuges gesichert, und dies war für mich, zumal in Hinblick auf meine recht negativen theoretischen Kenntnisse, ein erleichterndes Gefühl. Trotzdem ging ich nicht ohne Herzklopfen ans Spiel und fand erst allmählich meine so oft bewährte Ruhe wieder.

 

Die Partie - ein Zweispringerspiel im Nachzuge - gestaltete sich sehr lebhaft. Ich nahm alle Kraft zusammen, und, was ich in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hatte - es gelang mir, unter Ausnutzung einer Blöße, die Lasker sich im 12. Zug gab, Gewinnstellung zu erreichen. Und als ich dann nach dem 20. Zug ein elegantes Matt in 4 Zügen ankündigte - da kannte mein Glücksgefühl keine Grenzen..."

 

 

Charakterliches:

 

Hartlaub verfügte über ein nicht geringes Maß an Selbstironie, die insbesonders in seinen Partiekommentaren durchscheint. Darüberhinaus schien er äuerst gesellig gewesen zu sein; so merkte z.B. Carl Carls an, dass Hartlaub beim XVIII. Kongress des DSB in Breslau "für Betrieb und Stimmung sorgte" (Keller 1987, S. 126).

 

 

=== Anekdoten ===
Der 22. Kongreß des Deutschen Schachbundes fand 1922 in Bad Oeynhausen statt. Hartlaub besuchte die Schachveranstaltung, bei der seine Vereinskollegen Carl Carls und Oskar Antze im Meisterturnier mitspielten. Den offiziellen Abschluss sollte ein Blitzturnier bilden, "aber die von allen Turnierpflichten befreiten Schächer blieben noch zusammen, bis 'kaum den Osten matt erhellte der rosenrote, lichte Schein'. Ein festesfroher Verehrer unseres schönen Spiels 'soll' morgens um 3 Uhr beinahe eine 'Glanzpartie' in den Goldfischteich' (sic) gemacht haben",<ref>''Der 22. Kongreß des Deutschen Schachbundes (E.V.) in Oeynhausen 1922.'' Hrsg. von J. Dimer, W. Schlage, O. Zander. Verlag von Hans Hedewig's Nachfolger, Curt Ronniger, Leipzig 1923, S. 28.</ref> womit angesichts der Anspielung auf den Buchtitel Hartlaub gemeint gewesen sein dürfte.<ref>zumal die 2. Auflage seiner Partiensammlung im selben Jahr, nämlich 1923, erschien wie das Turnierbuch, in welchem sich diese Anekdote befindet. 

 

Ehrungen:

 

Hartlaub wurde im Sommer 1927 zum Ehrenmitglied des Wiesbadener SV 1885 ernannt aufgrund "seiner außerordentlichen Verdienste um das Schachspiel". Diese Auszeichnung ist anlässlich des Schachkongress verliehen worden, bei dem Harlaub zu Ehren seine Partie gegen Fahrni (Hannover 1902) mit lebenden Figuren aufgeführt wurde.

 

 

 

 

 

Nachrufe:

 

Bremer Schachspalte am 19.5.1929 (Zitat bei HK)